Presse/Rezensionen

Immer bin ich ein Rennreiter und habe es nicht eilig. Natascha Gangls Wendy fährt nach Mexiko lesend  (….) Ganz am Anfang des Buchs hat es geheißen: „Los derechos de los ninos. Los ninos tienen derecho a la vida.“ So wenig Spanisch verstehe und lese ich, um sagen zu können, daß ninos Kinder sind. Die Toten haben ein Recht auf Spiel. Der Satz von den Kindern ist übersetzt worden in den Satz von den Toten. Und das heißt? Heißt das umgekehrt, daß die Toten übersetzt sind und wieder verwandelt werden können in die Kinder, verwandelt werden können in den Anfang, das Vergangene gehen kann und wieder werden?
(Peter Waterhouse, Manuskripte, 213/2016.)

Natascha Gangl: Wendy fährt nach Mexiko.  (…) Gangls Text gerät nie in Verdacht, etwas wie autobiographische Authentizität inszenieren zu wollen, selbst wenn die Autorin, die laut Klappentext „seit zehn Jahren zwischen Österreich und Mexiko“ lebt, aus persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen geschöpft haben sollte. „Wendy fährt nach Mexiko“ ist somit eine höchstgradig subjektive Anverwandlung, Aneignung und gleichzeitig mittels individueller Formsprache erfolgende Umwandlung und Neuschöpfung von Welt. Man könnte auch einfach sagen: Gute Literatur. Und wie immer bei guter Literatur liegt gerade in der höchsten künstlerischen Subjektivität stets das alle Mitmeinende, alle Mitbetreffende, wird das kollektiv Gültige im scheinbar Singulären offenkundig (…)
(Gerald Lind, literaturhaus.at, 30. November 2015)

WEG MIT DEM BRAUTSTRAUSS!
Es sind die Besitzverhältnisse, die die 1986 in Bad Radkersburg geborene Natascha Gangl interessieren (…) Den furcht- und respektlosen Umgang mit gesellschaftlichen Konventionen mag sie da auch gelernt haben: In Nein, ich will!, das in Graz uraufgeführt wird, bringt sie die klassische Dramaturgie einer Hochzeitsfeier auf die Bühne – um sie am lebendigen Objekt untersuchen und pervertieren zu können. Ihr Augenmerk richtet sie dabei weniger auf die Verbindung zwischen zwei Menschen – sondern auf den Ausschluss dieser beiden aus der Gruppe der Mitmenschen, den das zugleich bedeutet. Auch im Heimatsaal des Volkskundemuseums wird mit Brautsträußen und Reis geworfen, werden Bräute entführt und Hochzeitsvideos gedreht. (…)
Doch nicht nur ist die Musik nicht länger tanzbar, werden Requisiten missbraucht – auch die klare Rollenzuschreibung bricht. Besucher sind nicht nur Zaungäste, sondern können potenziell jede Rolle einnehmen: die des Gastes, eines Familienmitgliedes oder des Liebesobjektes. Im Setting einer Eheschließung, dem Zelebrieren von Abgrenzung und Ausschluss, feiern Gangl und die Transmissionare die Unendlichkeit der Möglichkeiten. Denn die sind in der eifersüchtigen Abschottung natürlich schon mitgedacht. –
(hein, Spezial, DER STANDARD, 19.9.2014)

Worte wie Nüsse knacken
Mainz, 17. April 2014. Es geht, grob gesagt, um (Ein-)Brüche aller Art: um den Wohnungseinbruch wie den Einbruch eines Virus, das Einbrechen einer Beziehung wie den Bruch mit Konventionen, den Zusammenbruch von Systemen wie den Einbruch in fremde Räume etc. pp. In ihrem Text mit dem schön sperrigen Titel “Die große zoologische Pandemie” umkreist die Mainzer Hausautorin Natascha Gangl ihr Sujet mit spitzfindigem Sprachwitz und jelinekschem Furor. In sechs Kapiteln und einem Abgesang entwickelt Gangl einen ganzen Zoo an Bedeutungen und Verknüpfungen, Referenzen und Assoziationen. Das macht sie pointiert, sprachbewusst und lebensklug. Nicht weniger als der Zustand der kleinen und der großen Welt steht bei ihr auf dem Spiel. (…)
(Shirin Sojitrawalla, Nachtkritik.de, 17.April 2014)

Das Leben ist ein großer Einbruch
Uraufführung von Natascha Gangl am Staatstheater Mainz
Viel Lärm um „nichts“. Denn „Nichts das dir wertvoll ist kann man dir rauben“. Die fehlende Interpunktion in diesem Satz erlaubt unterschiedliche Betonungen und so könnte auch „nichts“ jemandem sehr wertvoll sein. Von Mehrdeutigkeiten dieser Art wimmelt es in Natascha Gangls Text „Die große zoologische Pandemie“. Die Österreicherin, in dieser Saison Hausautorin am Staatstheater Mainz, hat darin eine fortwährende Assoziationskette geknüpft, lässt das Mäandernde mäandern und kommt dabei der Darstellung der Suche, nach etwas, die viele Menschen umtreibt, recht nah. (…) Da funkelte Gangls Sprachwitz, ohne aber Erklärungen liefern zu wollen. Die gibt es auch in der nun zweistündigen Variante des Textes nicht, sondern nur den ironischen Ratschlag der Autorin: „Geben Sie den schlauen Plan, der auf ein schlaues Stück aus ist, das auf der Sonnenseite der deutschsprachigen Dramatik zu liegen kommen soll, gleich mit dazu auf…“ Diesen Satz spricht Monika Dortschy in ihrer Rolle als so mondäne wie fabelwesenartige Märchentante, die das Geschehen auf der Bühne bisweilen kommentiert oder unterbricht. Sie sit die Außenwelt in einer sonst aufs Innerste bezogenen Szenerie, die dem Zuschauer gleichwohl wie in einer voll ausgeleuchteten Vitrine (Bühne: Felix Meyer-Christian) dargeboten wird.
(CHRISTIAN FRIEDRICH, FAZ, Rhein Main, 19. April 2014)

Natascha Gangl sorgt für Spannung im Haus
GRAZ. Szenarien der Furcht und Hoffnung setzten das Publikum im TaL zwei Abende lang vom Keller aufwärts in Bewegung. Installationen für alle Sinne machten betroffen, irritierten, begeisterten, führten vom Kongo ins Quarantänezelt und zur Bühne. “Pandemie. Gebäre dich selbst!” vermittelt nicht nur diebischen Einbruch ins sichere Haus und den Virus als Lebenstopos, sondern auch den Bruch mit linearem Konsumtheater, den die 1986 in Bad Radkersburg geborene Natascha Gangl (Foto) und das grandiose Team unter Kathrin Mayr bei UniT mit allen Mitteln der Kunst – einschließlich Arien – ausreizen. Nicht ohne Grüße von Lehrmeister Schlingensief. Das experimentelle Welt- und Lebenspanoptikum verlangt unbedingte Fortsetzung. Ebenso außergewöhnlich und nominiert ins heute beginnende bestOFFstyria-Finale ist “Das kleine Hasenstück” der vielversprechenden Jungautorin.
(EWS, Kleine Zeitung, 10.09.2012)

Das Leben in Kreisen fortfahren.
Mit dem Stück über drei Menschen, die sich gegenseitig in die Bahn geraten, wechselt die steirische Autorin, die Karriere-Gleise: von der Regionalbahn zum Intercity-Express.
Gegen das edgültige Entgleisen unserer Existenz schreibt Natascha Gangl in ihrem aktuellen Stück „In Bahnen“ an. Drei ganz unterschiedliche Charaktere lässt sie auf einem Bahnhof aneinander stoßen… Die Sprache der sie sich dabei bedient, ist von einer im Kreis trippelnden Redundanz geprägt, die den Figuren ein symptomatisches Klangbild verleiht. (…) Ihre zirkulären Sprachmalereien lassen eine Sogwirkung entstehen, der es sich auszusetzen lohnt.
(Christoph Hartner, Kronen Zeitung, 14. November 2008)

Die Hasen-Demontage
Die steirische Autorin Natascha Gangl erlaubt in ihrer Ein-Hasen-Revue einen klugen, unterhaltsamen Ausbruch aus festgefahrenen Rollenmustern.
(…) Singend, rollschuhfahrend, philosophierend und Beuys-zitierend demontiert es sich und seine Artgenossen Schritt für Schritt selbst. Am Höhepunkt schleppt es (ein „Hase unser“ betend) einen Rahmen auf die Bühne, konfrontiert das Publikum mit der Leere, die diese Demontage hinterlassen wird. Die Assistenzstelle beim zu früh verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief hat Gangl in ihrer Entwicklung beflügelt und endgültig zu einer der begabtesten JungdramatikerInnen Österreichs gemacht. Bei aller Humorigkeit hat sie in „Das kleine Hasenstück“ aussagekräftige Bilder gefunden, mit denen sie widersprüchliche menschliche Bedürfnisse kommentiert (…)
(Christoph Hartner, Kronen Zeitung, 23.11.2011)